Zwischen zwei Welten, Episode 1: artgerechte Erziehung

Artgerechte Haltung

Was ist artgerechte Erziehung?

 

Man kennt die artgerechte Haltung von Schweinen, Hunden oder sogar Schlangen. Dazu gibt es die verschiedensten Bücher, Studien und Forschungsgruppen. Doch was ist für den Menschen artgerecht? Ernst zunehmende Studien sind da äußerst rar. Es ist auch sehr schwer, Kinder in zwei Gruppen zu unterteilen und die Kontrollgruppe mit Absicht „schlecht“ zu erziehen, um zu gucken, ob Erziehungsmethoden funktionieren.

Es gibt viele Ansätze artgerecht zu definieren und einen davon, das Attachment-Parenting, möchte ich hier vorstellen. Dabei geht es um eine bedürfnisorientierte Erziehung. Es ist so einfach wie es klingt, man versucht die Bedürfnisse des Kindes zu stillen. Jetzt denkst du dir sicherlich, na ja das macht man doch eh immer. Hat es Hunger, füttere ich es, weint es, beruhige ich es und ist die Windel voll, wird eine neue angelegt. Doch es steckt noch mehr dahinter.

Beim Attachment-Parenting ist das erste Jahr des Kindes von überdurchschnittlicher Bedeutung. Das Befriedigen der Grundbedürfnisse ist in dieser Zeit besonders wichtig. Dazu gehört neben Hunger, Windel und Schlaf, noch körperliche Nähe, Schutz und (emotionale) Begleitung.

Körperliche Nähe bedeutet z.B. das Bonding zum Bindungsaufbau kurz nach der Geburt. Am besten dafür geeignet ist natürlich das Stillen. Aber auch als Vater kann man mit dem Kind kuscheln, die Nähe zulassen und auch genießen. Weiterhin zu empfehlen ist das Tragen des Kindes in einem Tragetuch oder einer Tragehilfe. Dabei ist das Kind ganz nah am Körper und spürt die Wärme und auch den Herzschlag seiner Bindungsperson.

Eine weitere Säule beim Attachment-Parenting ist das Schlafen in einem Familienbett. Dieses Thema ist ganz heikel in der Gesellschaft und man wird schief angeguckt, wenn man sich outet. Doch nachts brauchen Kinder den Schutz und die körperliche Nähe.

Emotionale Begleitung erreicht man durch das Verstehen, dass das Weinen nicht dazu da ist, um Eltern zu nerven oder zu manipulieren, sondern als ein Mittel zur Kommunikation fungiert. Die Zeichen und Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu deuten, ist die Kunst beim Attachment-Parenting.

Wie machen wir das?

 

Wie wahrscheinlich die meisten Väter, habe ich mich nicht wirklich auf die Erziehung des Kindes vorbereitet. Ich ging einfach davon aus, dass das was meine Eltern gemacht haben, schon richtig sein wird. Man hört oft: „Hat mir ja auch nicht geschadet“. So dachte ich am Anfang. Meine Frau dachte ähnlich, doch im Gegensatz zu mir, fing sie an zu recherchieren. Nach und nach brachte sie das Attachment-Parenting in unsere Familie und unseren Erziehungsstil ein. Das fing bei der Geburt an, ich sollte mein Shirt ausziehen und den Kleinen auf mich legen. „Bonding, du machst das jetzt“. Wird schon nicht schaden, dachte ich mir und legte den Kleinen auf mich drauf. Ohne es zuzugeben, war das ein besonderer Moment für mich und vielleicht bilde ich es mir ein, doch ich spürte eine Verbindung zu diesem Knäuel auf meiner Brust.

Meine Frau schaffte sich auch ein Tragetuch an und fortan war der Kleine immer an ihrer Seite. Das erste Tuch war für mich zu kurz und so habe ich, bis auf ein paar Ausnahmen später, keinerlei Erfahrung mit den Tüchern sammeln können. Meistens trug ich ihn in der Babyschale, im Arm oder er lag im Kinderwagen.

Vom ersten Tag an schlief unser Sohn bei uns im Bett, es gab nicht mal eine Diskussion. Es war einfach von Anfang an klar, ohne darüber zu sprechen. Ich weiß nicht genau warum, aber der Kleine gehörte in unser Zimmer, in unser Bett. Ob das Bonding bei mir da bereits gewirkt hat? 😉 Sobald das zweite Kind da ist, werden wir uns ein eigenes Familienbett bauen und ich hoffe, dass ich das filmen und hier präsentieren kann.

Reaktionen der Gesellschaft

 

Womit kann man rechnen, wenn man sich dazu entschließt, Attachment-Parenting zu praktizieren? Gegenwind und zwar von allen Seiten. Es ist nicht so schlimm wie es sich anhört und keiner unserer Freunde und Verwandten würde uns absichtlich schlecht machen oder uns schaden wollen. Doch beim Thema Erziehung fühlt sich jeder sofort angegriffen. Neues ist schlecht, das kennt man ja bereits aus anderen Bereichen im Leben und in der Geschichte.(Stichwort Erde ist eine Scheibe, Bücher, erste Flugversuche) Es ist aber auch verständlich, da augenblicklich das Gefühl entsteht, dass der eigene Erziehungsstil nicht gut genug war und man diesen nun verteidigen muss. Dabei greift  man mit Attachment-Parenting niemanden an, sondern versucht nur, das was, jeder versucht. Das Beste für sein Kind.

Es gibt gesellschaftliche Standards, die leider immer noch das Denken der Menschen bestimmen. Sprüche wie, „was du stillst ja immer noch?“ „willst du ihn bis zu seiner Hochzeit stillen?“ hörten wir bereits nach wenigen Monaten. (Die Empfehlung der WHO ist stillen bis zum zweiten Lebensjahr). „Was er schläft noch immer nicht durch?“ „Schläft er immer noch bei euch?“ Diese Sprüche werden euch begleiten, wenn ihr euch für Attachment-Parenting entscheidet. Aber das ist gar nicht so schlimm. Wenn man sich bewusst für diesen Erziehungsstil entscheidet, ist es auch in Ordnung, sich immer wieder zu reflektieren. „Mache ich das, was ich derzeit mache aus Überzeugung, dass es das Richtige ist?“ Wenn die Antwort ja ist, dann geht man aus solchen Diskussionen eher gestärkt heraus. Ganz wichtig ist dabei sich zu informieren. Das Thema ist wirklich sehr umfangreich und hört nach dem ersten Lebensjahr nicht auf. Ich verlinke im Anschluss noch mehr Quellen, die auf den Erziehungsstil tiefer eingehen und entstandene Fragen klären können.

Lernen Kinder wirklich die Werte die wichtig sind? Ist experimentieren das Richtige?

 

Das sind Fragen die ich mir persönlich auch gestellt habe. Ich denke, dass sich der Großteil der Eltern darauf einigen kann, dass ein autoritärer Erziehungsstil dem Kind eher schadet, als hilft. Von daher ist es wichtig weiter zu überlegen, wie man seinen Stil gestaltet. Eine der größten Ängste dabei ist, dass man sein Kind „verzieht“ oder zu einem Weichei macht. Ein Baby, dass nur seinen Instinkten folgt, die über Millionen von Jahren entwickelt wurden, um zu überleben, wird nicht durch das Befriedigen seiner Bedürfnisse verwöhnt. Das beste Beispiel dabei sind Familienbetten, die seit Menschengedenken Normalität waren. Die Menschheit wäre eine reine Ansammlung von verwöhnten Weicheiern, wenn diese Angst begründet wäre. Doch die Menschheit hat sich weiter entwickelt, wurde stärker und klüger. Ich denke, dass experimentieren, auch in der Erziehung erlaubt ist. Jeder muss für sich seinen Stil finden. Es nützt nichts dem Attachment-Parenting oder einer anderen Erziehungstheorie zu 100% zu folgen, aber dabei selbst unglücklich zu sein, weil man z.B. mit dem Familienbett überhaupt nicht klar kommt.

Der wissenschaftliche und gesellschaftliche Stand entwickelt sich immer weiter. Nur so zu erziehen, wie die Eltern einen erzogen haben, wäre falsch und unverantwortlich. Das Wissen, das zusätzlich zur Verfügung steht, sollte man nutzen.

Zwischen zwei Welten

 

Jeder von uns ist bei der Erziehung zwischen zwei Welten gefangen, der Anspruch an sich, das Beste für sein Kind zu wollen und die Standards der Gesellschaft prallen hier aneinander. Diesen Konflikt auszutragen und dabei gestärkt hervorgehen ist wichtig bei der Selbstfindung. Man muss sich selbst als Elternteil entdecken und Entscheidungen ganz bewusst treffen. Ich sage nicht, dass die Gesellschaft schlecht ist oder die eigene Familie und Freunde keine guten Ratgeber sind. Im Gegenteil, das ist die Kunst und das ist der Zwist in dem man steckt. Auf die Erfahrung der Eltern zu hören, ihren Rat anzunehmen und trotzdem seine Entscheidungen zu treffen und zwar ganz bewusst und nicht, weil man das zum Trotz macht, um sich von seinen Eltern abzuheben. Kein schöner Blogbeitrag oder ein schlauer Professor mit seiner neuesten Studie nimmt einem die Arbeit ab. Nur du bist 24 Stunden mit deinem Kind zusammen und nur du trägst die Verantwortung für ihn. Solange du das Beste für dein Kind willst, wird es schon werden.

 

Welche Erfahrungen habt ihr Erziehung gemacht? Was haltet ihr vom Attachment Parenting? Schreibt es mir gern in die Kommentare!

 

Das Thema Attachment-Parenting füllt ganze Bücher, mehr zum Thema findest du hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Attachment_Parenting (Allgemeine Infos zu AP)

https://geborgen-wachsen.de/ (Ein Blog einer Mutter über das AP)

 Das Buch von Susanne Mierau zu ihrem Blog.

http://www.nestling.org/ (Ein weiterer interessanter Blog zum Thema AP)

http://www.vonguteneltern.de/

 

Diese Blogs sind alle recht ähnlich aufgebaut und beschreiben Erziehung, wie sie sie selbst praktizieren. Sie bieten sehr viele gute Beiträge zu den verschiedensten Problemstellungen rund um Erziehung und eine breite Community aus Müttern und Vätern hilft sich gegenseitig bei auftretenden Fragen. Hat zwar etwas von den Reality-TV-Shows, in denen die Protagonisten alles aus ihrem Leben preisgeben, aber ohne den Trashfaktor. Von dieser Art Blogs gibt es ganz viele und sie unterscheiden sich eigentlich nur in der Art der Präsentation. Für welche man sich am Ende entscheidet, hängt von der eigenen Persönlichkeit ab und wie charismatisch man die jeweilige Person findet. Insgesamt sind alle ganz cool zu lesen und man kann vieles für sich selbst anwenden. Klare Empfehlung.

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